1. Plenarvortrag: 5.10.2016 9:15-10:00 Uhr (Uni-Campus in Ústí nad Labem, Rektoratsgebäude, Rote Aula)

David SIMO (Yaoundé, Kamerun): Interkulturalität und Wissensproduktion

Inzwischen haben sich Ansätze wie interkulturelle Literaturwissenschaft und postkoloniale Germanistik auch institutionell fest etabliert. Dies impliziert die Anerkennung der Tatsache, dass sich die Bedingungen der Beschäftigung mit der Literatur geändert haben. Es ist wichtig genau zu untersuchen, wie diese Bedingungsveränderung begründet wird. Geht es um eine Bewusstseins-veränderung der Wissenschaftler? Und wie wären die epistemologische Voraussetzung und die treibenden Kräfte hinter dieser Veränderung? Hat sich das Selbstverständnis der Literatur geändert? Was bedeutet in dieser Hinsicht der Begriff Interkulturalität und welches Paradigma impliziert er auch über die Literaturwissenschaft hinaus?

Diese und weitere Fragen über das Schreiben über sich selbst, über den Anderen, über die Welt in der Wissenschaft und in der Literatur und die Möglichkeit oder Unmöglichkeit der Entstehung einer weltliterarischen oder weltwissenschaftlichen Landscape sollen erörtert werden.

Prof. Dr. David Simo ist Professor für Neuere Deutsche und für Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Yaoundé I, Leiter der Germanistikabteilung und der Graduiertenschule in Künsten, Sprachen und Kulturen an der Universität Yaoundé I (Kamerun), Leiter des Zentrums für Deutsch-Afrikanische Wissenschaftskooperation an der Universität Yaoundé I. Studium der Afrikanistik, Anglistik, Germanistik und der Politikwissenschaften an den Universitäten von Abidjan und des Saarlandes, Promotion im Fach Vergleichende Literaturwissenschaft (Afrika-Europa) und Deutsche Literaturwissenschaft, Habilitation 1991 in Hannover zu Hubert Fichte. Reimar Lüst-Preisträger und Vertrauenswissenschaftler der Alexander von Humboldt-Stiftung, Gastprofessuren an den Universitäten Hannover, Leipzig, Bremen, Wien und an der École Normale Supérieure in Paris. Forschungsschwerpunkte: Literatur- und Kulturtheorien, Neuere Deutsche Literaturwissenschaft, Verglei-chende Literaturwissenschaft, Ideengeschichte, Methoden der Kulturwissenschaften, Forschungsmetho-dologie, postkoloniale und postmoderne Theorien und interkulturelle Kommunikationen. Neuere Publikationen (Auswahl): Pratiques herméneutiques interculturelles. Mélanges en hommage à Alioune Sow (Yaoundé: Éditions CLE 2015); Afrikanische Deutschland-Studien und deutsche Afrikanistik: Ein Spiegelbild (hrsg. mit Michel Espagne and Pascal Rabault-Fuerhahn, Würzburg: Königshausen & Neumann 2014); Problématiques migratoires en contexte de globalisation (Yaoundé: DAW-Centre/Goethe- Institute Yaoundé 2014); Sport, Spiel und Leidenschaft. Afrikanische und Deutsche Perspektiven (hrsg. mit Carlotta von Maltzan, Paderborn: Wilhelm Fink Verlag 2012); Migrationen heute und gestern. Sonderband von Weltengarten. Deutsch-Afrikanisches Jahrbuch für Interkulturelles Denken (Hrsg. mit Leo Kreutzer, Hannover: Wehrhan Verlag 2009/2010).

2. Plenarvortrag: 6.10.2016 9:15-10:00 Uhr (Uni-Campus in Ústí nad Labem, Rektoratsgebäude, Rote Aula)

Goro KIMURA (Tokio, Japan): Interlinguale Strategien und Interkulturalität                

Sprache gehört zu den wesentlichen Elementen der Interkulturalität. Zuerst soll ein einführender Einblick in die (sozio)linguistische Interkulturalitätsforschung gegeben werden. Im Hauptteil wird sich der Vortrag dann mit Modellierungen interlingualer Konstellationen auseinandersetzen und Konzepte zur Beschreibung von interlingualen Strategien und deren interkulturellen Aspekten vorstellen.

Es gibt bekanntlich eine Reihe von sprachlichen Strategien, die zur Kommunikation zwischen Sprechenden verschiedener Sprachen eingesetzt werden: Verwendung einer Partnersprache, Rezeptive Mehrsprachigkeit, Interkomprehension, Lingua franca, Sprachmittlung usw. Es kann davon ausgegangen werden, dass jede dieser Möglichkeiten ein anderes Verhältnis zur Interkulturalität mit sich bringt. Die Vorzüge und Nachteile der theoretisch denkbaren interlingualen Strategien und deren praktische Anwendbarkeit sollen besprochen werden. Aus Sicht dieser interlingualen und interkulturellen Soziolinguistik ergeben sich auch Perspektiven für die deutsche Sprache im mehrsprachigen Kontext.

Prof. Dr. Goro Kimura ist seit 2012 Professor für deutsche und europäische Studien und Leiter der Abteilung für Deutsche Studien an der Sophia-Universität in Tokyo. Studium der Germanistik und Geschichte an der Fremdsprachen-Hochschule Tokyo, Promotion 2002 an der Hitotsubashi-Universität in Tokyo mit dem Thema „Perspektiven menschlicher Eingriffe bei Erhalt und Revitalisierung von Minderheitensprachen“ (am Beispiel von Kornisch und Sorbisch). Nach Lehrtätigkeiten an der Keio-Universität kam er 2004 als Dozent an die Sophia-Universität, eine von (u.a. deutschen) Jesuiten 1913 gegründete Universität in Tokyo. Vorstandsmitglied des Verbands der Deutschlehrenden in Japan und Generalsekretär der Japanischen Gesellschaft für Slawistik. 2012-2013 Gastwissenschaftler am Lehrstuhl für Sprachgebrauch und Sprachvergleich der Europa Universität Viadrina in Frankfurt/Oder, 2015-2016 Gastprofessor am Zentrum für Slavisch-Eurasische Studien der Hokkaido-Universität. Forschungsschwerpunkte: Soziolinguistik mit den Schwerpunkten interlinguale Kommunikation, Sprachen-rechte, Erhalt und Revitalisierung von Minderheitensprachen. Feldforschung vor allem im deutsch-slawischen Kontaktgebiet. Redaktionsmitglied der Fachzeitschriften Kotoba to Syakai [Sprache und Gesellschaft], Syakaigengogaku [Soziolinguistik]und Neue Beiträge zur Germanistik (Japanische Gesellschaft für Germanistik). Mitherausgeber der Bücherreihe Studies in World Language Problems (Amsterdam: John Benjamins), Mitglied des wissenschaftlichen Beirats von Language Problems and Language Planning.

3. Plenarvortrag: 7.10.2016 9:30-10:15 Uhr (Hauptgebäude der Karls-Universität Prag, Blauer Lesesaal)

Ernst HESS-LÜTTICH (Berlin, Deutschland): Integration und Identität – oder: Medien, Moslems, Migration. Zur Diskursanalyse einer europäischen Kontroverse                    

Migration ist ein hochaktuelles Thema in der Berichterstattung der Medien. In Europa vergeht praktisch kein Tag, an dem „Migration“ nicht Gegenstand öffentlicher Diskussion in den Medien ist. Die meisten der sog. „Bio-Deutschen“ wissen, was sie über Ausländer wissen, überwiegend aus den Medien. Was aber wissen und vermitteln die Medien über Ausländer? Dies ist (mit Niklas Luhmann) die Ausgangsfrage des Vortrags. Der Migrationsdiskurs wird wesentlich von den Medien konstituiert. Wie hat er die soziale Wirklichkeit in den letzten Jahren beeinflusst? Wie hat sich die Berichterstattung über Migranten, Muslime, Fremde in den letzten zehn Jahren verändert? Welchen Stellenwert nimmt das Thema Migration in verschiedenen Medien ein? Welches Bild zeichnen sie von den Zu- und Einwanderern und wie stehen sie zur Frage des Asyls? Welche Unterschiede gibt es in den einzelnen Medien hinsichtlich ihrer Perspektiven auf Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Integration, Ausländerkriminalität? Wie verändern sie das Wählerverhalten und die politischen Einstellungen? Vermindert oder verstärkt die Berichterstattung Xenophobie?

Die „Migrationsdebatte“ wird heute oft zugleich als „Islamdebatte“ geführt. Wie werden die Kontroversen über dessen Symbole und Ansprüche in den Medien ausgetragen (Stichworte: Kopftuch, Burka, Unterrichtsdispens, Karikaturen, Minarette, Ehre, Antisemitismus, sexuelle Übergriffe etc.)? Methodisch profitiert der Beitrag von den jüngsten Entwicklungen im Bereich der Medienlinguistik und der Diskursforschung; thematisch nimmt er seinen Ausgang von den aktuellen Migrationsdebatten in Deutschland und der Schweiz, die auch für die Debatten in Mittel- und Osteuropa Denkanstöße enthalten können.

Prof. Dr. Ernest W.B. Hess-Lüttich ist Ordinarius emeritus (Germanistik: Sprach- und Literaturwissenschaft) an der Universität Bern (Schweiz), Hon. Prof. (Allgemeine Linguistik) Technische Universität Berlin (Deutschland) und Hon. Prof. Extraordinary (German Studies) an der University of Stellenbosch (Südafrika). Er lehrte außer in Bonn, Berlin, Bern und Bloomington u.a. in London, Madison, New York, New Delhi, Bangkok, Stellenbosch, Melbourne sowie als Gastprofessor an 25 weiteren renommierten Universitäten auf allen Kontinenten. Er war u.a. Präsident der Deutschen Gesellschaft für Semiotik (DGS) sowie Vize-Präsident der Gesellschaft für Angewandte Linguistik (GAL) und der International Association of Dialogue Analysis (IADA); 2006- 2014 war er Präsident der internationalen Gesellschaft für interkulturelle Germanistik (GiG). Forschungsschwerpunkte: Dialog- und Diskursforschung sowie der Text- und Kommunikationswissenschaft. Er hat bislang ca. 60 Bücher geschrieben oder herausgegeben und über 350 Aufsätze publiziert. Zu den wichtigsten Monographien zählen u.a. Grundlagen der Dialoglinguistik (Berlin: Erich Schmidt 1981), Kommunikation als ästhetisches „Problem“ (Tübingen: Narr 1984), Zeichen und Schichten in Drama und Theater: Gerhart Hauptmanns „Ratten“ (Berlin: Erich Schmidt 1995), Angewandte Sprachsoziologie (Stuttgart: Metzler 1987), Literary Theory and Media Practice (New York: CUNY 2000), Wahrig Grammatik der deutschen Sprache (Gütersloh: Bertelsmann 2002); derzeit ist ein Buch mit dem Titel Literatur ist Sprache in Arbeit. Er ist Mitglied diverser Herausgebergremien und wissenschaftlicher Beiräte internationaler Zeitschriften sowie Ehrenmitglied der Gesellschaft ungarischer Germanisten (GuG) und des Wissenschaftlichen Beirates der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

4. Plenarvortrag: 7.10.2016 10:15-11:00 Uhr (Hauptgebäude der Karls-Universität Prag, Blauer Lesesaal)

Alison LEWIS (Melbourne, Australien): Herausforderungen für die australische Germanistik: Transkulturell, transnational und/oder interdisziplinär?                

In einem anglophonen postkolonialen Land wie Australien, das geographisch eher zu Asien als zu Europa gehört, stehen die europäischen Fremdsprachenphilologien im 21. Jahrhundert vor einer Reihe von Herausforderungen. Zu der radikalen Kommerzialisierung des australischen Hochschulbereichs in den letzten zwanzig Jahren und der globalen Vorherrschaft des Englischen kommt eine zunehmende Umorientierung nach Asien hinzu, welche die Vorrangstellung von Fremdsprachen wie Deutsch und Französisch in Frage stellt. In den meisten Hochschulen haben mehrere institutionelle Sachzwänge dazu geführt, dass man mit weit weniger Lehrpersonal in Deutsch – eigenständige Institute gibt es seit über zehn Jahren nicht mehr – zurechtkommen muss. Trotz wachsender Konkurrenz von Japanisch, Indonesisch und Chinesisch und inzwischen auch Spanisch erlebt das Deutschstudium an einigen Universitäten Australiens einen Aufschwung. Allerdings ist dabei festzustellen, dass sich die Zusammensetzung der Studierenden radikal geändert hat, und nur ein Drittel der Kohorte aus den Geisteswissenschaften stammt. In diesem Vortrag werden Vorschläge zu einer Umkonzeptualisierung einer traditionellen Auslandsgermanistik im Sinne einer transkulturellen, transnationalen und interdisziplinären Germanistik dargelegt. Infolge des globalen Cultural Turns verlagerte sich auch in Australien der Schwerpunkt in Forschung und Lehre immer mehr von der Literaturwissenschaft zu den Kulturwissenschaften, wobei dies oft in der Lehre im Sinne von cultural oder transcultural literacies verstanden wird. In der Forschung zum Beispiel macht sich eine veränderte Auffassung von Literatur bemerkbar, indem Literatur zum einen als „Lebenswissenschaft“ bzw. als „Lebenszusammenwissenschaft“ (Otmar Ette) begreifbar wird. Zum anderen kann eine Ausweitung des Literaturbegriffs in Richtung von life writing förderlich sein, das nicht nur fiktionale Texte, sondern auch faktuales Schreiben miteinschließt. Zum Beispiel bieten die Erinnerungen der ersten, zweiten und dritten Generation von Holocaustüberlebenden, die nach Australien ausgewandert sind, oder auch von Opfern der Stasi und ihrer Kinder ergiebige Forschungsfelder, die von der australischen Germanistik erkundet werden können. Transnationale Forschungsprojekte bieten eine weitere Möglichkeit, über den üblichen Rahmen einer Nationalphilologie hinauszugehen und durch Kollaborationen mit anderen Kollegen aus anderen Fremdsprachenphilologien oder mit Historikern komparative Projekte zu entwerfen. Schließlich können interdisziplinäre und transdisziplinäre Forschungsprojekte – etwa zu Prozessen der Wahrheitsfindung und Aussöhnung in post-autoritären Gesellschaften – oder auf dem Gebiet der Genderforschung und der Sexualwissenschaften fruchtbare Antworten auf die oft gestellte Frage nach der nationalen Relevanz der australischen Germanistik bieten.

Prof. Dr. Alison Lewis ist Professorin in Deutsch an der University of Melbourne. BA (Honours)-Studium der Germanistik und Romanistik an der University of Adelaide, Australien. Magisterstudium der Germanistik, Anglistik und Theaterwissenschaft an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Promotion 1990 an der University of Adelaide mit einer Dissertation zu Irmtraud Morgner und feministischer Phantastik. Danach Senior Tutor in Deutsch an der University of Western Australia (1987-1991) und Lecturer an the Queensland University of Technology (1992-1995). 1998-1999 12 Monate als Stipendiatin der Alexander von Humboldt-Stiftung an der Universität zu Köln bei Professor Günter Blamberger. Ab 1995 Senior Lecturer an der University of Melbourne, wo sie 2002-2006 Head of Department of German and Swedish Studies war. Ab 2004 Associate Professor in Deutsch, seit 2010 Professor; zeitweise Management-Rollen wie Associate Dean, Graduate Research. Seit 2005 Fellow der Australian Academy of the Humanities. Präsidentin der German Studies Association of Australia (2007-2011). Forschungsschwerpunkte: Neuerdeutsche Literaturgeschichte; gender studies; Literatur der DDR und Wendeliteratur; Zeitgeschichte und die Stasi; Gedächtnis/Erinnerung und Vergangenheitsbewältigung. Seit 2008 Mitherausgeberschaft (mit Franz-Josef Deiters, Axel Fliethmann, Birgit Lang und Christiane Weller) der Reihe Limbus: Australisches Jahrbuch für germanistische Literatur- und Kulturwissenschaft im Rombach-Verlag. Mitherausgeberin der Reihe Transpositionen im Röhrig-Verlag (mit Franz-Josef Deiters, Peter Morgan und Yixü Lü). Wichtigste Publikationen: Subverting Patriarchy: Feminism and Fantasy in the Works of Irmtraud Morgner (Berg 1995), Die Kunst des Verrats: der Prenzlauer Berg und die Staatssicherheit (Königshausen & Neumann 2003), Eine schwierige Ehe: Liebe, Geschlecht und die Geschichte der Wiedervereinigung im Spiegel der Literatur (Rombach 2009), Secret Police Files from the Eastern Bloc: Between Surveillance and Life Writing (hrsg. mit Valtentina Glajar und Corina Petrescu) (im Druck mit Camden House) und A History of the Case Study: Sexology, Psychoanalysis and Literature (mit Birgit Lang und Joy Damousi, im Druck mit Manchester UP).

5. Plenarvortrag: 8.10.2016 9:00-9:45 Uhr (Philosophische Fakultät der Karls-Universität Prag, Aula)

Paul Michael LÜTZELER (St. Louis, USA): Die Rolle der Literatur in der amerikanischen German Studies Association

In diesem Jahr wird die German Studies Association vierzig Jahre alt, und es ist für die internationale Germanistik von Interesse zu sehen, welche Rolle in diesem interdisziplinären Berufsverband, der in den USA gegründet wurde, die deutschsprachige Literatur spielt. Etwa vierzig Prozent der Mitglieder sind GermanistInnen, die sich mit Literatur und Film beschäftigen, 40 Prozent sind HistorikerInnen und 20 Prozent kommen aus Gebieten wie den Politischen Wissenschaften, der Kunstgeschichte, Philosophie oder Theologie. Die Anfänge von German Studies als Studiengang, der interdisziplinär eine Reihe von Geistes- und Sozialwissenschaften umgreift, die sich mit Deutschland beschäftigen, reichen in Amerika in das Jahr 1970 zurück. Das erste Institute for German Studies wurde 1970 an der Indiana University in Bloomington gegründet. Was in Vergessenheit geraten ist: Die Anregung zur Etablierung von German Studies als Fach kam aus Frankreich, und zwar aus Paris, wo der Germanis Pierre Bertaux in den frühen 1960er Jahren das Fach „Civilisation Allemande“ begründet hatte. Dieses Fach hatte drei Charakteristika: erstens spielte Literatur im Vergleich zu den Sozialwissenschaften darin nur eine geringe Rolle (Bertaux schätzte die Rolle der Literatur in der modernen Gesellschaft äußerst gering ein), zweitens interessierte man sich primär für die Gegenwart, und drittens wurde alles in deutscher Sprache betrieben. In Bloomington bekannte sich der Germanist Louis F. Helbig, der erste Direktor des dortigen Institutes of German Studies, zu dem Vorrang der Sozialwissenschaften und zur Fixierung auf die Gegenwart, allerdings spielte Deutsch als Sprache dort keine große Rolle: Man bot Seminare vor allem auf Englisch an, wohl um Studenten, die des Deutschen nicht mächtig waren, nicht abzuschrecken. Hier wurde sicher Pionierarbeit in Sachen Interdiszipliniarität geleistet, aber von einer Modellrolle des Instituts konnte man damals nicht sprechen. Ins Interesse der Profession rückte German Studies erst, als der Historiker Gerald Kleinfeld 1977 – zunächst auf regionaler, dann auf nationaler Ebene – einen Berufsverband gründete, dem von Anfang an KollegInnen aus der Geschichte, der Germanistik und den Sozialwissenschaften beitraten. Anders als bei Bertaux spielte die Literatur von Anfang an eine wichtige Rolle, zweitens ging es keineswegs nur um die Gegenwart, sondern auch um frühere Jahrhundete, und drittens wurde nicht Deutsch, sondern Englisch die bevorzugte Sprache bei den Jahrestagungen und der Fachzeitschrift der GSA, der German Studies Review. Von 55 Mitgliedern am Anfang ist diese Zahl im Lauf von vier Jahrzehnten auf über 2.300 angewachsen. Dabei ist zu beobachten, dass von Jahrzehnt zu Jahrzehnt die Sektionen über Literatur abnehmen, und dass immer weniger Vorträge bei den Tagungen auf Deutsch gehalten und immer weniger Aufsätze in der Fachzeitschrift auf Deutsch erscheinen. Auch der prozentuale Anteil von KollegInnen aus Deutschland hat abgenommen. Das ist wohl kein Zufall. Die inzwischen 20 Jahre alten „Guidelines“ der GSA sagen viel über „Geschichte“ aber wenig über „Literatur“, setzten sich zwar für das Lernen der deutschen Sprache allgemein ein, nicht aber für ihren Gebrauch bei den Jahrestagungen und bei den Publikationen in der German Studies Review. Die Insistenz auf dem Gebrauch der englischen Sprache hat offenbar dazu geführt, dass der Anteil der ausländischen TeilnehmerInnen an den Jahrestagungen zurückgegangen ist. So ist es an der Zeit, die Rolle der Literatur und der Gebrauch der deutschen Sprache innerhalb der GSA neu zu überdenken.

Prof. Dr. Paul Michael Lützeler ist seit 1973 Professor für Germanistik und Komparatistik an der Washington University in St. Louis, seit 1993 Professor in the Humanities an der Rosa May Distinguished University. Studium der deutschen und englischen Literatur, Geschichte und Philosophie an der Freien Universität Berlin, University of Edinburgh, Universität Wien und der Indiana University zwischen 1965 und 1972. Promotion an der Indiana University 1972. Gastprofessuren und Vortragsreisen auf allen Kontinenten. Begründer des European Studies Programs und des Max Kade Center for Contemporary German Literature an der Washington University, mehrfach Delegate der MLA, Vize-Präsident der IVG (2005-2010), Präsident des Internationalen Arbeitskreises Hermann Broch (seit 2001), Präsident der American Friends of Marbach (seit 2011), Vorstandsmitglied der GiG (seit 2015). Hohe amerikanische, deutsche und österreichische Auszeichnungen. Forschungsschwerpunkte: Romantik, Exilliteratur (mit Schwerpunkt Hermann Broch), der literarische Europadiskurs, Gegenwartsliteratur (Monographien und Editionen in diesen Forschungsgebieten.) Herausgeber des Jahrbuchs Gegenwartsliteratur (seit 2002).  Gastgeber der GSA-Jahrestagung 1987, Herausgeber des German Quarterly der AATG (1988-1991), Forschungsaufenthalte an einer Reihe von Institutes for Advanced Studies in den USA, Deutschland und Australien.

6. Plenarvortrag: 8.10.2016 9:45-10:30 Uhr (Philosophische Fakultät der Karls-Universität Prag, Aula)

Paulo SOETHE (Curitiba, Brasilien): Vilém Flusser und die Interkulturalität: Ein deutschsprachiges Konzept der Vielfalt für Brasilien – aus Prag

Vilém Flusser ist 1920 im Prag der ersten Tschechoslowakischen Republik geboren und 1991 nach einem Vortrag auf Einladung des Goethe-Instituts in der damaligen Tschechischen und Slowakischen Föderativen Republik nahe der Grenze zu Deutschland bei einem Autounfall gestorben. Sein Grab liegt im Prager Jüdischen Friedhof. Aus seiner Geburtsstadt emigrierte er 1939 nach England und von dort 1940 nach Brasilien, wo er 32 Jahre seines Lebens verbrachte, bevor er zurück nach Europa kam und sich ab 1981 in Frankreich ansässig machte. In deutscher Sprache verfasste Flusser einen wichtigen Meilenstein im Brasilien-Diskurs deutschsprachiger Intellektueller im 20. Jahrhundert: Brasilien oder die Suche nach dem neuen Menschen (1994). Der Text erschien posthum. Fünf Jahrzehnte nach Stefan Zweig bekräftigt und extrapoliert Flussers Werk als Aufgabe und Berufung der brasilianischen Gesellschaft die Bewahrung der Einheit in der Vielfalt: „Dies ist die Grundlage unserer sozialen Wirklichkeit, dies die Probleme, denen wir die Stirne zu bieten haben. Aus diesen anderen Elementen sind wir berufen, eine Kultur zu artikulieren.“ In diesem Beitrag wird das im Brasilien-Buch des Prager Intellektuellen skizzierte Interkulturalitätskonzept seiner Sprachphilosophie angenähert mit dem Ziel, die relationale, medienphilosophische und translatorische Dimension seines Denkens hervorzuheben, die sich für eine weltweit vernetzte, interdisziplinär ausgerichtete Germanistik als relevant erweist.

Prof. Dr. Paulo Astor Soethe ist Professor für Germanistik an der Universidade Federal do Paraná in Curitiba in Brasilien (UFPR). Studium der Germanistik und Romanistik (Portugiesisch) an der Bundesuniversität von Paraná in Curitiba, ab 1992 Dozent für Deutsch und deutschsprachige Literatur an der UFPR. Magister (Mestrado) 1995 an der Universität São Paulo (nach einem DAAD-Forschungsaufenthalt in der Universität Köln) mit einer Arbeit zu Heinrich Böll, Promotion an der Universität São Paulo 1999 (nach einem DAAD-Forschungsaufenthalt an der Universität Tübingen) mit einer Dissertation zum literarischen Raum und Ethik in Thomas Manns Der Zauberberg und João Guimarães Rosas Grande sertão: veredas, 2005-2006 Post-Doc als Sonderforschungsstipendiat der Alexander von Humboldt-Stiftung an der Universität Tübingen. Kurzzeitdozenturen an der Universität Passau und Zagreb, Gastwissenschaftler an der Universität Potsdam (2015-2016).
Leiter des Zentrums für deutsch-brasilianische Zusammenarbeit und Leiter des Postgradualen Programms für Sprach- und Literaturwissenschaft an der UFPR (2007-2009), Leiter des bilateralen Masterstudiengangs Deutsch als Fremdsprache in Zusammenarbeit mit der Universität Leipzig (2009-2013), Leiter des Programms für Weiterbildung von brasilianischen Deutschlehrern in Deutschland und Österreich vom brasilianischen Bundesministeriums für Erziehung PDPA/CAPES/MEC (2012-2015). Präsident des Lateinamerikanischen Germanistenverbands (2012-2015), vorher dessen Vizepräsident (2003-2012). 2015 Jacob und Wilhelm Grimm-Preis des DAAD. Forschungsschwerpunkte: gegenseitige Spiegelungen von Brasilien und dem deutschsprachigen Europa im Medium der Literatur (transareale Perspektiven), die Schriftstellerfamilie Mann und Brasilien, brasilianische Dokumente in deutscher Sprache, literarische Archive und Netzwerktheorien, digitale Literaturwissenschaft, Deutsch als Fremdsprache (Sprach- und Bildungspolitik). Mitglied des Herausgeberteams des Jahrbuchs für Interkulturelle Germanistik. Seit 2015 Mitglied des internationalen Ausschusses der Internationalen Vereinigung für Germanistik (IVG).