Vielfältige Konzepte - Konzepte der Vielfalt: Interkulturalität(en) weltweit

Internationale Tagung der Gesellschaft für interkulturelle Germanistik e. V. (GiG).

4.–9. Oktober 2016 in Ústí nad Labem und Prag

Veranstalter: Das Institut für Germanistik an der J. E. Purkyně-Universität in Ústí nad Labem sowie das Institut für germanische Studien an der Karls-Universität Prag

Die für den 4.–9. Oktober 2016 in Ústí nad Labem und Prag (Tschechien) geplante Tagung der Gesellschaft für interkulturelle Germanistik gilt einer Bestandsaufnahme der von ihren Mitgliedern (und weiteren BeiträgerInnen) zur Beschreibung interkultureller Phänomene vorausgesetzten und genutzten Konzepte. Dabei geht es darum, sich einen Überblick über Modellierungen interkultureller Phänomene in verschiedenen Weltregionen, Theoriekulturen und Fächern zu verschaffen. Das Interesse ist allerdings gerade nicht darauf gerichtet, aus den vorgestellten Konzepten ein „General-Konzept“ zur vermeintlich einzig angemessenen Beschreibung interkultureller Konstellationen zu synthetisieren, sondern vielmehr die weltweite sowie fachspezifische Unterschiedlichkeit solcher Konzeptualisierungen in den Blick zu nehmen – und eben diese Vielfalt zur Grundlage der wissenschaftlichen Fortentwicklung interkultureller Germanistik zu machen.

Erbeten werden somit Vorschläge für Vorträge, die zum einen komplexe interkulturelle Phänomene welcher Art auch immer diagnostizieren und zum anderen über deren angemessene Beschreibbarkeit reflektieren. Dies kann in der ganzen Spannweite von vornehmlich theoretisch ausgerichteten Vorträgen bis hin zur Vorstellung bisher weniger beachteter Interkulturalität(en) erfolgen – entscheidend ist, dass jeweils beide Dimensionen Berücksichtigung finden: die Diagnose interkultureller Konstellationen und die Frage nach ihrer angemessenen wissenschaftlichen Beschreibung. Insgesamt ist damit nicht die Wiederauflage des oft als fruchtlos und überwunden wahrgenommenen Streits zwischen „Transkulturalität“ (nach Wolfgang Welsch) und „Interkulturalität“ gemeint. Vielmehr geht es darum, eine Inventur der ganzen Spannbreite möglicher Konzeptualisierungen von Interkulturalität vorzunehmen, um auf dieser Grundlage eine notwendig vielfältige Theoriebildung weiter zu entwickeln. Erwünscht sind dabei nicht nur Beiträge aus dem Horizont einer (kulturwissenschaftlich geöffneten) Literaturwissenschaft, sondern in besonderer Weise auch Beiträge aus den Bereichen der Linguistik, Mehrsprachigkeitsforschung, Didaktik, von Deutsch als Fremdsprache und der Translationswissenschaft sowie aller weiteren Fächer, die ihre Beiträge zu dieser generellen Frage für produktiv erachten.

Um es exemplarisch an jenem Kulturraum (genauer dessen Vergangenheit) zu illustrieren, in dem die Tagung stattfinden wird: Die topische Beschreibung der besonderen Interkulturalität der Böhmischen Ländern bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs und der sich anschließenden Vertreibung der Deutschen aus ihnen ist die eines (über lange Zeiten friedlichen und gedeihlichen) Zusammenlebens von Tschechen, Deutschen und Juden. Diese Formel scheint dabei zunächst einem Kategorienfehler geschuldet: zwei nationalkulturellen Attribuierungen (tschechisch, deutsch) steht eine religiöse Attribuierung (jüdisch) zur Seite. Doch ist diese Diagnose in mehrfacher Hinsicht falsch. Erstens waren ‚die‘ Deutschen ja keine Staatsangehörigen des Deutschen Reiches, sondern – wie ‚die‘ Tschechen – solche der k. u. k.-Monarchie Österreich-Ungarn, so dass sie, um es knapp zu sagen, bis 1918 national gesehen Österreicher waren und nur bezogen auf ihre Muttersprache Deutsche und Tschechen. Zweitens ist ‚jüdisch‘ ab einem bestimmten Zeitpunkt eben doch auch eine nationale Kategorie, weil in den Volkszählungen der Ersten Tschechoslowakischen Republik ab 1920 die Möglichkeit bestand, sich eine jüdische Nationalität zuzuschreiben.

Nach der sogenannten tschechischen „Wiedergeburt“ (obrození) im 19. Jahrhundert und einem dadurch sowie durch die deutschen Gegenreaktionen darauf um sich greifenden Nationalismus ist das benannte Zusammenleben oft als eine vollständige Abkapselung des tschechischen und deutschen Bevölkerungsanteils gegeneinander dargestellt worden. Egon Erwin Kisch beschrieb die Situation Anfang des 20. Jahrhunderts dahingehend, dass kein „Deutscher [...]  jemals im tschechischen Bürgerklub [erschien], kein Tscheche im Deutschen Casino. Selbst die Instrumentalkonzerte waren einsprachig, einsprachig die Schwimmanstalten, die Parks, die Spielplätze, die meisten Restaurants, Kaffeehäuser und Geschäfte.“ Kisch denkt somit die Stadt Prag im Zeichen streng voneinander abgegrenzter, jeweils eindeutig nationalkulturell kodierter Räume, anders gesagt: als Mosaik. Ganz anders liest sich die Beschreibung der Lage bei Vilém Flusser, der 1920 als Sohn einer jüdischen Familie in Prag geboren wurde und in seiner 1992 erschienenen „philosophische[n] Autobiographie“ Bodenlos die gemeinsame Identität als Prager als jenen „Boden“ beschreibt, auf der sich die Frage, ob man „als Prager Tscheche, Deutscher oder Jude“ erst stelle. Dem entspricht eine frühere Diagnose von Johannes Urzidil, der im Hinblick auf seine in Prag verbrachte Kindheit formuliert hat:

er [der Knabe; M.W.] wählte sich seine knäbischen Freunde und Feinde allerwärts, und es war ihm gleichgültig, ob sein Ball durch eine tschechische, deutsche, jüdische oder österreichisch-adlige Fensterscheibe hindurchflog. ‚Ich bin hinternational‘, pflegte er zu sagen. Hinter den Nationen – nicht über- oder unterhalb – ließ sich leben und durch die Gassen und Durchhäuser streichen.

Urzidil bringt – durch die Absage ans vertikale „über- oder unterhalb“ – nicht nur die kulturelle Vielfalt Prags in ein räumlich horizontales Nebeneinander, sondern etabliert durch das Anfügen nur eines Buchstabens an das gebräuchliche ‚international‘ eine Gleichzeitigkeit von vordergründiger nationalkultureller Trennung und hintergründiger, so aber grundlegender Gemeinsamkeit. Dabei werden die „Durchhäuser“ zum eigentlichen Insignium Prags und der Prager Stadtraum – wie bei Flusser – zu einem flächendeckenden ‚Zwischenraum‘, den alle Prager als Prager teilten. Das ist bei weitem (auch theoretisch) produktiver als all die Wiederholungen der Standardformeln von der ‚Tripolis Praga‘ und dem dortigen Zusammenleben von Deutschen, Juden und Tschechen.     

In der Erforschung der spezifischen Interkulturalität der Böhmischen Ländern, in der sich beide die Tagung ausrichtenden germanistischen Institute – das Institut für Germanistik an der J. E. Purkyně-Universität Ústí nad Labem sowie das Institut für germanische Studien an der Karls-Universität Prag – engagieren, wird dabei etwas über den spezifischen Gegenstand Prag resp. Böhmen weit Hinausgehendes deutlich, nämlich dass es bisher durchaus noch an Konzepten fehlt, um komplexere Formen von interkulturellen Konstellationen wissenschaftlich angemessen zu beschreiben. So spricht es für sich, dass man Beschreibungsmodelle dafür eher in literarischen Texten (auch bei Franz Kafka) findet.

Die Inventur, die sich die Tagung Vielfältige Konzepte – Konzepte der Vielfalt: Interkulturalität(en) weltweit zum Ziel gesetzt hat, soll dagegen auch wissenschaftlich tragfähige Konzepte in ihrer unhintergehbaren Vielfalt aufweisen und eine produktive Diskussion über deren Gemeinsamkeiten und Differenzen anregen.

Untersuchungen zum Kulturraum des Tagungsortes sind dabei sehr willkommen; wie immer auf den Tagungen der Gesellschaft für interkulturelle Germanistik soll aber deren weltweite Vernetzung und intradisziplinäre Vielfalt dafür genutzt werden, eine Vielzahl unterschiedlicher Zeiten, Räume und  Medien und damit verbundener interkultureller Konstellationen und theoretischer Konzeptualisierungen in den Blick zu nehmen.

Als Neuerung wird erstmals im Anschluss eine eigene DoktorandInnen-Sektion stattfinden. Promovierende BewerberInnen werden entsprechend in besonderer Weise zum Vorschlag von Vorträgen ermuntert und sollten bitte ihren aktuellen Status in der Bewerbung angeben. Sie sind selbstverständlich auch zur vorangehenden Tagung schon herzlich willkommen.

Alle Vorträge sollen eine Länge von 20 Minuten nicht überschreiten; vorgesehen ist  eine anschließende Diskussion von ca. 10 Minuten. Abstracts im Umfang von max. 1 DIN-A-Seite (Times New Roman 12, 2000 Zeichen inkl. Leerzeichen) können ab sofort (inkl. E-Mail-Adresse) bei den Organisatoren der Tagung eingereicht werden, müssen diese aber spätestens bis 29. Februar 2016 erreichen:

Renata Cornejo (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!)
Manfred Weinberg (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!)
mit Cc an Gesine Lenore Schiewer (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!)

Über die Annahme der Beitragsangebote wird bis Mitte März 2016 entschieden werden. Eine Homepage zur Tagung befindet sich im Aufbau; über deren Internet-Adresse werden die Mitglieder der GiG sowie die weiteren BewerberInnen rechtzeitig unterrichtet.

Reise- und Übernachtungskostenkönnen von den Veranstaltern leider nicht übernommen werden. Wir bitten Sie daher, sich rechtzeitig selbst um eine Finanzierung zu bemühen. ReferentInnen, die an einer deutschen Universität unterrichten, können sich beim DAAD um eine Unterstützung bewerben. Die GiG wird einen Antrag für Alumni aus DAC-Ländern beim DAAD stellen (www.daad.de/imperia/md/content/entwicklung/dac-liste.pdf). Ab Juni werden dazu weitere Informationen vorliegen, die wir Ihnen dann zukommen lassen.

Die Tagungsgebühr beträgt 30 € für GiG-Mitglieder (für DoktorandInnen: 15 €) und 50 € für jene, die nicht Mitglied der GiG sind (für Promovierende: 25 €). Den Mitgliedern der Germanistenverbände des jeweiligen Landes, in dem die GiG-Tagung stattfindet, in diesem Fall also des Tschechischen Germanistenverbandes, wird ebenfalls die ermäßigte Tagungsgebühr gewährt.